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(d)ICHotomie des Lebens?

In Gesellschaft on 24. Juni 2009 at 18:44

Es ist bereits kein allzu neues Phänomen mehr. Jeder kann immer und überall jedem seinen gegenwärtigen Gemütszustand oder Aktivitäten offenbaren. Dann wird es in die Welt „gezwitschert“ oder dazu genutzt Freunden oder Fremden seinen „Space“ zu zeigen. Wenn ich mir sonst über diese Dinge Gedanken gemacht hatte, dann deshalb, weil nur allzu viele Menschen allzu sorglos mit ihren Daten umgehen. Aber in letzter Zeit beschäftigt mich dabei ein anderer Aspekt. Vor einiger Zeit stoße ich auf eine Status-Meldung, bei der eine junge Dame beklagt, dass einer ihrer Nachbarn sein unverschlüsseltes W-Lan nun verschlüsselt hätte. Anstatt aber sich nun für diesen Menschen womöglich zu freuen, darüber dass dieser nun nicht mehr so leicht ausgenutzt werden kann, beschwert sich die Frau auf Bitterliche und schreckt auch nicht zurück ihn auf gröbste Art und Weise zu beleidigen. Und es ging noch weiter. Die Frau, fragte via Internet ihre „Freunde“, zu den ich merkwürdigerweise auch gehöre, obwohl ich sie nicht kenne, ob nicht jemand bereit wäre, für sie einen Internet-Vertrag abzuschließen. Sie selbst könnte wohl nicht, weil sie Einträge in der Schufa hätte. Was soll man davon halten? Sie hatte es ernst gemeint. Ich bezweifle, dass diese Ausformung menschlicher Egozentrik jemals großartig anders strukturiert war. Womöglich ist die Fixierung auf seiner Selbst ein natürlicher Teil der menschlichen Natur. Jedoch bezweifle ich, dass Mutter Natur dies so vorgesehen hat, wie es häufig praktiziert wird. Dass wir nach Nahrung streben – okay. Dass wir ein Heim – eine eigene Höhle unser Eigen nennen wollen – okay. Jedoch vermehrt die Ellenbogen ausfahren? Gleich worum es geht? Es ist schon stark vereinfacht skizziert. Es steht außer Frage, dass gewisse Formen menschlicher Interaktion Konflikte hervorbringen kann. Nur gebietet doch die gute Sitte niemanden auszunutzen oder zum eigenen Wohl schlecht zu behandeln. Moral? Jemand, der bei sich ist und so erkennt, dass er womöglich dieses oder jenes in seinem Leben verändern möchte, der kann auch andere nachteilig damit beeinflussen. Partner, Chefs, Mitarbeiter oder die Familie. In diesem Zusammenhang geschieht es jedoch aus gänzlich anderen Beweggründen als Liegstuhl-per-Handtuch-Reservierungen auf Mallorca. Genauer gefragt: Sind wir Opfer der Umstände? Oder kommt es direkt von uns? Eine Mischung? Bedingt aus den gesellschaftlichen Entwicklungen? In einem Klima des Wettbewerbs, das nicht nur im Beruf auf die Menschen wirkt, sondern gleichermaßen im Familienkreis oder durch Freunde vermittelt wird, lernen wir früh: Es ist nicht das Schlechteste, der Beste zu sein. Oft auch gleich mit welchen Mitteln dies erreicht wird. Dieser Eifer unsere 4jährigen Sonnenscheine in Elite-Kindergärten stecken zu wollen? Oder selbige zu vernachlässigen, weil sie nerven und einen in seiner Zeit- und Freizeit-Planung doch beeinflussen? Hätte einem ja früher gesagt werden können. Oder ist dies normal? Das womöglich, in Anlehnung an Paul Nolte´s Generation Reform, wir uns eine kleine Welt aufbauen. Mit Sicherheit und Wohlbehagen. Und was da draussen – ausserhalb der Sippe – geschieht, ist dann die Jagd. Und somit alle Mittel erlaubt. Es heißt ja auch, dass der Mann von seiner Natur her nicht monogam angelegt sein kann. Fragen über Fragen. Nicht das wir uns falsch verstehen. Streben nach etwas. Sich Träume erfüllen. Hart zu arbeiten. Sich etwas aufbauen. Alles kein Thema. Jedoch: Wenn das eigene Handeln andere ganz wesentlich in ihrer Freiheit beraubt – wenn das eigene Handeln zu Lasten anderer Personen geht, sei es emotional oder auch materiell – dann ist dies schlecht. Mehr nehmen als geben. Die ungeteilte Zweiteilung des Seins. Böse. Pfui. Es heißt doch so schön: Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Ich jedenfalls finde es traurig. Viele Menschen lassen sich in Gefüge und Systeme integrieren, die dauerhaft und gravierend zu ihren Lasten gehen. Stumpfen irgendwie ab. Folgen irrigen Vorstellungen zu Glücks- und Seligkeitsversprechen. Nutzen Menschen aus. Kosten mit jeder Faser potentielle Macht im Leben aus. Oder täusche ich mich etwa? Alles halb so wild? Kein Ich will – Ich brauch – Ich muss – Ich Ich Ich? Gut, stark vereinfacht. Überzogen. Aber dadurch nicht weniger bedenkenswert. „Wer Genügen findet am Genügenden, der wird immer genug haben.“ (Lao-Tse. Kap.48)

In einem Krankenhaus in Ghana

In Uncategorized on 22. Juni 2009 at 19:25

Das Krankenhaus. Ein großes Tor zu einer breiten Straße, die mal geteert war. Rechts und links davon einstöckige Gebäude, verbunden durch überdachte Säulengänge, gestrichen in beige und braun, abblätternde Farbe.
Unzählige Krankenschwestern laufen auf dem ganzen Gelände herum, jede in einem hübschen grünen Kostüm und Häubchen auf dem Kopf. Die Anzahl der Striche auf den Schultern der Kostüme verraten den Ausbildungsstand – erst gar keine Streifen, bei abgeschlossener Ausbildung drei.
Die Ärzte sind unglaublich gut gekleidet. Die Männer in Anzughosen, langärmligen Hemden, manche mit Krawatten. Die Frauen in Blusen, Röcken, Kleidern, dazu Pumps, immer perfekt frisiert und geschminkt.
Darüber tragen sie weiße Kittel. Manchmal sieht man Dinge wie „Bundeswehrkrankenhaus Hamburg“ oder auch „Kantine Eberswalde“ in den Kragen der Klinikbekleidung stehen.
In der Morgenvisite werden die in der Nacht neu aufgenommenen Patienten vorgestellt.
An meinem zweiten Tag wird über eine Geburt berichtet.
Als die Frau ins Krankenhaus kam, war die Geburt schon in vollem Gange und innerhalb von zwei Stunden war das Kind da. Der Arzt lächelt, alle nicken zustimmend, eine Geburt ist anscheinend ein für alle erfreuliches Ereignis. Aber habe ich das richtig verstanden? Am Anfang hat der Arzt doch etwas gesagt von einem eigentlich geplanten Kaiserschnitt wegen bekannter HIV-Infektion der Mutter. Geplante Kaiserschnitte sind Teil der Präventionsprogramme um das Risiko der Übertragung von Mutter zu Kind zu senken. Jemand fragt, ob das Kind nach der Geburt Prophylaxe erhalten hat. Der Arzt schüttelt den Kopf. Niemand reagiert in irgendeiner Weise geschockt.
Dabei wurde das Neugeborene wahrscheinlich mit HIV infiziert. Das hätte verhindert werden können – wenn schon nicht durch den Kaiserschnitt, für den es leider schon zu spät war, dann wenigstens durch die Gabe eines HIV-Medikamentes direkt nach der Geburt.

Zwei Tage später bin ich dabei, als bei einer Achtjährigen ein HIV-Schnelltest gemacht wird. Positiv. Die Mutter ist bereits tot, das Kind wird von der neuen Frau des Vaters begleitet. Auch dieses Mädchen ist wahrscheinlich seit ihrer frühesten Kindheit HIV-positiv, infiziert vielleicht schon in der Schwangerschaft, wahrscheinlich unter der Geburt, spätestens während der Stillperiode.
Wie ist das Virus wohl in diese Familie gekommen? Der Vater ist Fernfahrer. Früher lernten die Medizinstudenten noch, dass Fernfahrer eine Risikogruppe darstellen, besonders Langstreckenfahrer. Mittlerweile wird diese Betrachtung als diskriminierend empfunden. Schließlich gehen nicht alle Fernfahrer während ihrer Fahrten zu Prostituierten und infizieren anschließend ihre Frauen.
Wir teilen der neuen Mutter des Mädchens die Diagnose mit. Das Kind hat bereits erste Symptome, immer wiederkehrende Infektionen. Sie wird an die HIV-Beratungsabteilung verwiesen.
Ob die Mutter die Tragweite der Diagnose versteht? Ich wüsste gern, ob sie darüber nachdenkt, woher ein achtjähriges Mädchen HIV bekommt. Ob sie den Zusammenhang herstellt zwischen der verstorbenen Mutter und dem kranken Kind. Ob sie ahnt, dass wahrscheinlich auch ihr Mann positiv ist. Und ob sie weiß, was das für sie bedeuten kann.
Wenn irgendetwas davon in ihrem Kopf vorgeht, sieht man es ihr nicht an. Es gibt keine erkennbare Reaktion.

An einem meiner ersten Tage wird ein Mann mit einem Schlangenbiss eingeliefert. Nach drei Tagen geht es ihm wieder gut. Aber nach zehn Tagen liegt er immer noch auf der Station. Er ist nicht versichert und hat die Krankenhausrechnung noch nicht bezahlt. Bis seine Familie das Geld bringt, wird er nicht entlassen, so ist die gängige Praxis.

Warum er wohl keine Versicherung hat? Dass es eine Krankenversicherung gibt, ist relativ neu. Sie ist nicht besonders teuer, 2 Cedis im Vierteljahr. Und man kann sie auch dann noch abschließen, wenn man bereits im Krankenhaus ist.
Dann sichert der Papierbogen, zum Teil unterschrieben mit einem Daumenabdruck, einem die medizinische Grundversorgung. Zuzahlungsfrei bekommt man jede verfügbare Diagnostik und Therapie.
Essentiell ist die Versicherung in einem Bereich, in dem ich es nicht erwartet hätte – Sauerstoff bekommen außer in totalen Notfällen nur versicherte Patienten, denn Sauerstoff ist eine der teuersten Maßnahmen, die das Krankenhaus zu bieten hat (eine Stunde kostet 17 Cedis).
Wenn man sich schon die 2 Cedis für die Versicherung nicht leisten kann, was heißt dann eine Stunde Sauerstoff?

Francisca

Francisca hat einen Herzfehler. Wahrscheinlich hatte sie als Kind eine simple Mandelentzündung, die unbehandelt zu Herzfehlern führen kann – mit Antibiotika lässt sich das verhindern.
Jetzt aber liegt Francisca völlig ausgezehrt in ihrem Bett. So einen dünnen Menschen habe ich bisher nur auf Fotos gesehen.
Francisca ist zu schwach zum Sitzen, Stehen oder Laufen. Auf Ansprache reagiert sie meistens kaum. Aufgrund ihres Herzfehlers kommt es ständig zu Mangeldurchblutung ihrer Organe, auch des Gehirns. Auf Dauer führt das zu der mittlerweile klar erkennbaren Retardierung.
Die einzige Therapie wäre eine Klappenersatzoperation. Eigentlich kommt einmal jährlich eine amerikanische Organisation nach Kumasi und führt Herzoperationen an Kindern durch. In diesem Jahr können sie wegen der Finanzkrise nicht kommen.
So können wir Francisca nur Sauerstoff geben und jedes Herzmedikament, das im Krankenhaus verfügbar ist. Als sie sich nicht mehr unruhig hin- und herwälzt, sobald man den Sauerstoff abstellt, überlassen wir sie der Obhut ihrer Mutter. In der Krankenakte heißt das dann „palliativ behandeln“.

Palliativmedizin ist „die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer progredienten (voranschreitenden), weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht und die Beherrschung von Schmerzen, anderen Krankheitsbeschwerden, psychologischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt.“

(Definition der Weltgesundheitsorganisation und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin)

Ankunft in einem fremden Land

In Aus der Ferne on 18. Juni 2009 at 17:05

Ghana – die ersten Stunden. Ich steige aus dem Flugzeug auf das Rollfeld. Mit dem Bus geht es zum Flughafengebäude – ein einstöckiger Flachbau. Drinnen gibt es zwei Schalter. Der Beamte fragt mich dreimal etwas auf Englisch, was ich bis zum Ende nicht richtig verstehe. Meinen Impfpass schaut er sich nicht an – ich dachte, wenn man keine Gelbfieber-Impfung hat, wird man zwangsgeimpft und zwei Tage in Quarantäne gehalten? Das Gepäckband wirkt vorsintflutlich. Ansonsten gibt es hier anscheinend nicht viel – Toiletten, einen Schalter, an dem wir Geld wechseln können, vereinzelte lädiert aussehende Gepäckwagen, wenige Menschen in Uniformen, die relativ ungezielt umherschlendern. Alles sieht so aus als sei es vor fünfzig Jahren mal hier hingestellt und seitdem nicht mehr verändert worden. Als wir unseren Gepäckwagen auf die Glasschiebetüren zuschieben, die nach draußen führen, werden wir von zwei Beamten angehalten. Sie stehen am Ausgang und kontrollieren, ob wir für die Gepäckstücke auch die dazugehörigen Aufkleber der Fluggesellschaft haben. Dann umgibt uns wieder die schwüle Luft eines ghanaischen Nachmittags. Hinter Absperrgittern stehen unzählige Menschen, die alle winken, um unsere Aufmerksamkeit kämpfen, laut unverständliche Dinge rufen – zwischendurch klingt es wie „Taxi, Taxi!“. Also Taxifahrer. Ich atme tief durch, blicke in die andere Richtung, versuche bestimmt weiter zu gehen und so zu wirken, als wüsste ich genau wo ich hin will. Wir lassen uns von einem Fahrer in weißem Hemd zu seinem klapprigen Auto führen. Mit „STC-Station?“ und einem fragenden Blick hoffen wir, unser Fahrtziel genau genug erklärt zu haben. Er schaut fragend seinen Kollegen an, irgendwas bereden sie, dann lädt er unser Gepäck ein. Wir steigen ein, ohne wirklich ganz sicher zu sein, dass er uns an den richtigen Ort fahren wird. Ich sitze auf dem Rücksitz, mein T-Shirt klebt jetzt schon am Körper, warum habe ich bloß immer noch eine Jeans an? Durch die Fenster weht warme feuchte Luft, es riecht anders als in Deutschland – ein bisschen nach feuchten fremdartigen Pflanzen, ein bisschen süßlich – ist das Obst? Es ist ein Mix, in dem ich bis auf den Abgasgeruch das meiste nicht wieder erkenne. Der Taxifahrer sagt „You’re lucky, it has been raining today, so it is quite cool“ – was, es ist nicht warm? Ich habe mich wohl verhört? Wie ist es denn hier, wenn es heiß ist? Wir fahren durch die Stadt. Auf der zweispurigen geteerten Straße laufen zwischen den Autos Frauen und Kinder herum, die Wasser, Eiskrem, Bonbons, Stofftaschentücher, Kleidung und unzählige andere Dinge verkaufen. Dazwischen Bettler, Rollstuhlfahrer und Kinder, die einen durchs Autofenster mit bettelnden Gesten und flehenden Augen bedrängen. „Do you need to change some money?“ – Nein, das haben wir am Flughafen schon gemacht. Aber nachdem mir gesagt wurde, die Taxifahrer wären sehr hilfsbereit, sage ich ihm, dass wir noch eine SIM-Karte brauchen. Er nickt nur. An der nächsten Kreuzung winkt er eine Frau heran und drei Sekunden später halten wir eine gelbe SIM-Karte in den Händen. Ob wir das Geld auch durchs Autofenster getauscht hätten? Es würde mich nicht mehr überraschen. Wir kommen wirklich an der Busstation an. Menschen warten auf Holzbänken. Wir kaufen kleine Papierschnipsel, auf die handschriftlich der Fahrpreis und der Zielort Kumasi geschrieben ist. Dann warten wir darauf, dass ein Bus kommt („In a minute“ war die Abfahrtszeit). Zwischendurch fahren Busse über das Gelände, alle sitzen ganz geduldig da und scheinen gar nicht beunruhigt, im Gegensatz zu mir – ich habe die ganze Zeit Angst, dass irgendwo unser Bus fahren könnte, ohne dass wir es mitkriegen, dass wir am falschen Ort warten. Ich habe das Gefühl als existierte eine untergründige Kommunikation, unsichtbare Signale, die allen hier die essentiellen Informationen vermitteln und die nur wir nicht verstehen. Am Ende kommt ein Bus und jemand nimmt unser Gepäck. Wir sollen einsteigen. Woher wissen alle, wo wir hin wollen? Sechs Stunden Fahrt. Am Anfang geht es kreuz und quer über Sandstraßen, Schotterpisten, zwischendurch mal ein Stück staubige aber geteerte Straße. Ich sehe Wellblechhütten am Straßenrand, das Bild vor den Busfenstern scheint sich eine Ewigkeit nicht zu ändern. Überall wird Essen verkauft, unter anderem sind große, in Plastikfolie eingewickelte Weißbrote allgegenwärtig. Ganz schön hygienisch. Aber ein paar Meter weiter fahren wir an einem Stand vorbei, auf dem sich die selben Brote stapeln, uneingepackt. Die Plastikfolie liegt noch daneben und die Frauen streichen alle Brote einmal mit den Händen ab, bevor sie sie anschließend einwickeln. Ob damit der Straßenstaub entfernt werden soll? Auch Kinder sind wieder überall, Kinder aller Altersgruppen, kleinere verkaufen Wasser in Plastiktüten, die leer überall am Straßenrand liegen, größere balancieren die Brote auf riesigen runden Tabletts auf dem Kopf. Immer wieder werden Dinge vor die Busfenster gehalten, gelbe Streifen, vielleicht irgendein getrocknetes Obst? Ab und zu macht einer der Passagiere ein Zeichen, dann bekommt er irgendwas in Fenster gereicht im Austausch gegen ein paar Münzen. Die Verhandlung über den Preis läuft anscheinend ab ohne für uns nachvollziehbar zu sein. Irgendwann kommen wir auf eine geteerte, gut ausgebaute Straße. Jetzt sind wir anscheinend am Rande der Stadt angekommen. Es wird ländlich, grün. Von der geteerten Hauptstraße gehen immer wieder kleinere Seitenstraßen ab, rote Sandpisten, die direkt in den Urwald zu führen scheinen. Mit der Zeit wird die Landschaft hügeliger, langsam windet sich die Straße immer höher. Auf dem Seitenstreifen immer wieder Fahrzeuge, zum Teil übel zugerichtet. In regelmäßigen Abständen Plakate, die für sicheren Fahrstil werben – „Drive home to a safe hug!“ Immer wieder fahren wir durch Ortschaften, größere mit gemauerten Häusern, kleinere mit Lehmhütten, die aussehen wie dem Bilderbuch über Ruanda entsprungen, das ich als Kind mal hatte – klein, rund, mit Palmblättern oder ähnlichem gedeckt. Zwischendurch hält der Bus, mal wieder ohne für mich erkennbares System, und Leute steigen ein oder aus. Eine Haltestelle ist nicht zu sehen, irgendwie müssen die Leute mit dem Busfahrer kommunizieren. Wir haben ihm auch gesagt, dass wir in Konongo aussteigen müssen, das ist irgendwo auf der Strecke, von dort müssen wir mit dem Taxi weiter. Er hat nur kurz genickt – hoffentlich reicht das. Irgendwann hält der Bus. Der Taxifahrer steht auf und sagt etwas, das so ähnlich klingt wie Konongo. Wir steigen aus, unser Gepäck wird vor uns auf den Sandboden gestellt und schon fährt der Bus los und lässt uns allein. Im Dunkeln stehen wir auf einer Dorfstraße, ein Stück weiter steht ein einsames Auto. Ist das vielleicht ein Taxi? Wir steigen ein. Der Fahrer muss die Strecke sehr gut kennen, denn es ist stockfinster. Wir sitzen unangeschnallt in einem klapprigen Auto und sind ganz froh, dass wir nicht so viel von dem Nichts sehen, in das wir zu fahren scheinen. Vor etwa vierzig Stunden bin ich in Berlin losgefahren. Überwältigt und erschöpft lehne ich mich zurück.

Flimmerfreude

In kurz erwähnt, Multimedia on 6. Juni 2009 at 15:24

Nach der Schelte folgt nun Dank. Zwei Sendungen in der vergangenen Nacht berührten mich, ließen mich nicht mehr los und bewirkten eine lange, dunkle Nacht in meinem Schlafzimmer. Nur ich und ich.

Einerseits sah ich durch Zufall eine interessante Doku zum Leben und Schaffen von Annie Leibovitz. Wie das Leben so spielt erkannte ichspäter, dass ich natürlich ihre Ausstellung total verschwitzt habe. Wer die Gelegenheit bekommt, ihre Fotos zu betrachten, aus allen Phasen ihrer Arbeit, der sollte es tun.

Außerdem war da dieser Kurzfilm. Einfach 10 Minuten Zeit nehmen und schauen.

Flimmerkummer

In kurz erwähnt on 3. Juni 2009 at 23:36

Wenn man sich den Teasern zu neuen Entertainment-Shows nicht entziehen kann, liegt es einfach daran, dass sie einfach immer und überall auf einen einprasseln. Via TV, Plakat, Einblendung im Internet oder Radiospot. Bei „Schlag den Raab“ kriegt er nicht links und rechts eine verpasst und offenbart uns dadurch solch Events wie Eisfussball oder Autoball oder Turmspringen oder WOK-Sport oder oder oder. Daneben verkleiden sich Menschen, stellen ihre Ideen im Fernsehen vor. Nicht so unterhaltsam wie Dittsche wenn er mal wieder eine „Weltidee“ offenbart. Nein, Hundeklappen für Mietwohnungen stehen zur Disposition. Weil ich in Berlin-Friedrichshain im sechsten Stock meines Mietshauses eine Hundeklappe samt Rollade installiere, damit mein Bello selbstständig auf den Gehweg kacken kann? Daneben erscheinen unsere allseits geliebten und handverlesenen Prominenten in Chart-Shows, beim Promi-Kochen und -golfen. Promi-Schiffe versenken. Promi-Sendung-mit-der-Maus-Show und so weiter. Stets die gleichen Fratzen grinsen uns chronisch aus der Flimmerkiste ins Gesicht. Wer sich fragt, warum er schlechte Laune hat, sollte sein Fernsehverhalten einer kritischen Prüfung unterziehen. Andererseits ist es gar keine schlechte Erfindung. Denn seit dieser impertinenten Fernsehformat-Anbieterei, die leider ernst und nicht ironisch auf (fast) allen Kanälen zu finden ist, ist es leicht einen Grund zum Abschalten zu finden. Nur ist es leider ein rein subjektiver Würgereflex, der mich erfasst. Der Markt ist scheinbar noch nicht übersättigt, da noch genügend Menschen diesen schablonesk produzierten Kram konsumieren.

Nach wie vielen Tagen ist eigentlich die, vom Marcel, unserem Lieblingskritiker, angestossene Medienkritik wieder aus denselbigen verschwunden?

Wer hat umsetzbare Konzepte zur Hand, mit deren Hilfe wir die Menschen vom Fernsehen, Computer und den Konsolen loseisen können? Vielleicht eine große PR-Kampagne fahren, dass gesunde Ernährung, Bewegung und Naturverbundenheit und der andere interessante Kram im Leben das neue „Must have“ im Leben ist?

(C.M.)