codexhumano

Der Teufelszins

Einleitung

Vor einigen Tagen begegnete ich wieder einmal einer seltsam verqueren Theorie über unser Finanzsystem. Diese Theorie war mir auch früher schon des öfteren begegnet, damals aber eher aus esoterischen verschwörungstheorieaffinen Kreisen. Da ich sie nun aber von einem Menschen hörte, der es eigentlich besser wissen müsste und ich das finanztechnische Allgemeinwissen durch die Finanzkrise als gestiegen angenommen hatte, bekam ich das Gefühl, dass sich diese Theorie erstaunlich hartnäckig gehalten hatte, ja anscheinend sogar ausbreitete. Um nun bei solcher Art Begegnung positiv tätig werden zu können, möchte ich diese Theorie nun kurz umreißen, kommentieren und die Fehler aufzeigen. Ich nenne sie Teufelszinstheorie.

Die Teufelszinstheorie

Stellen wir uns ein fernes Land vor, ein paar hundert Jahre in der Vergangenheit vielleicht, mit Bauern, Handelsleuten, einem König und was sonst noch so dazugehört. Irgendwann kam dort ein Händler auf die Idee, ein beliebig einsetzbares Zwischentauschmittel zu entwickeln, um nicht mehr direkt immer Waren gegen Waren handeln zu müssen. Er sprach das mit dem König ab und weil der Händler vorschlug, auf jedes Tauschmittelstück das Antlitz des Königs zu pressen, war dieser auch bald für das Projekt gewonnen.

Der Händler legte das Verhältnis zu einer Ware fest und daraus ergaben sich automatisch alle anderen Tauschraten. Damit es alle schnell kennenlernten und die Vorteile einsehen konnten, gab er jedem Bürger noch 10 Stück davon. Wer mehr Tauschmittelstücke brauchte, konnte sich welche bei ihm leihen – für einen kleinen Obulus von ein paar Tauschmittelstücken natürlich, dies wurde Zins genannt.

Das System war zunächst sehr praktisch: man konnte auf einmal Dinge erwerben, obwohl man die nötigen Tauschmittel (noch) gar nicht hatte. Mehr und mehr Leute machten die Kreditnutzung zu einem normalen Teil ihres Lebens und Handelns. Nun nahm das Unglück seinen Lauf, denn irgendwie bekamen die tauschmittelverleihenden Händler immer mehr Tauschmittel und alle anderen, bald auch der König, versanken in Schulden. Woran hatte das angeblich gelegen?

Die vermeintliche Erklärung

Jeder hatte ja anfangs nur 10 Tauschmittelstücke bekommen und irgendwann hatten die Menschen sich so viel geliehen, dass die Zinsen im Durchschnitt pro Kopf mehr als 10 Stücke betrugen. Diese konnten dann offensichtlich niemals mehr abbezahlt werden, weil es so viele Stücke ja nie gegeben hatte. Um also diese Zinsen letztendlich zahlen zu können, musste man sich wieder woanders Tauschmittel leihen… ein Teufelskreis.

Soweit zur Theorie, die erklären möchte, warum viele Staaten der Erde hochverschuldet sind und ihre Schulden auch offensichtlich niemals wieder abbezahlen werden können. Eine strukturell bedingte und unumkehrbare Abhängigkeit von den kreditgebenden Banken. Auf diese Weise werden Staaten, also ihre Bürger, kontinuierlich und ohne Rettung auf alle Zeit geschröpft.

Das Missverständnis

Aber wo liegt nun der Fehler? Der wirtschaftsvertraute Leser wird es schon ahnen, der Fehler liegt in der Verwechselung von „Tauschmittel“ und „Wert“ (jetzt können wir das Tauschmittel auch gern Geld nennen). Natürlich sind die Tauschmittel begrenzt, aber ein wie auch immer gearteter Wert nicht. Man hat also Schulden im Werte von soundsoviel Geld, aber es ist der Wert, der beglichen werden muss, ob nun in Tauschmitteln oder in Waren ist dabei belanglos. Schulden sind daher prinzipiell immer bezahlbar; der Teufelskreis ist also gar keiner.

Weitere Effekte

Da dieses Teufelszinsmissverständnis also ausgeräumt ist, können wir uns mit einer anderen Auswirkung des Zinses auseinandersetzen. Diese wird auch eher selten benannt, aber sie hat ganz grundlegenden Einfluss auf unser wirtschaftliches Zusammenlebens: ewiges Wachstum.

Wir leben in einer Marktwirtschaft, was bedeutet, das Angebot und Nachfrage mehr oder minder frei auf einem abstrakten Markt zusammentreffen und sich so gegenseitig beeinflussen, im besten Falle regulieren. Heutzutage ist es in den seltensten Fällen so, dass der Anbieter seine Waren produziert hat, ohne Kredite aufzunehmen. Wiederum wird auch ein guter Teil der Nachfrage (lies Käufe) durch Kredite realisiert.

Wie wir aber wissen, verlangen Kredite Zinsen, die sich auch noch aufsummieren. Beide Seiten müssen also stetig mehr erwirtschaften und ständig wachsen, allein um den status quo aufrecht zu erhalten. Kreditfinanzierte Marktwirtschaft verursacht also direkt Wachstumszwang und da zumindest im Moment ein großer Teil der Wertschöpfung materiell gebunden ist, ständig steigenden Ressourcenverbrauch.

Blick nach vorn

Das ist das eigentliche Problem einer kreditfinanzierten Marktwirtschaft: ihr Ressourcenhunger. Solange sich also die Effizienz, mit der wir unsere materiellen Ressourcen verwenden, langsamer steigert, als der Ressourcenverbrauch der Menschheit steigt, werden wir letztendlich unseren Planeten zerstören.

Letztendlich muss man allerdings unserer Marktwirtschaft zugestehen, dass sie nicht immanent und zwangläufig kreditfinanziert sein muss. Es gibt keinen systemischen Wachstums“zwang“, dieser geht von den handelnden Subjekten aus. Dass es wirklich anders geht, zeigen Finanzkonzepte anderer Kulturen z.B. das islamische Geldwesen mit eindeutigem Zinsverbot. An diesem „islamic banking“ kann man sehen, dass wirtschaftliches Wachstum sogar gänzlich ohne Zinsen im klassischen Sinne funktionieren und durch reale Wertschöpfung abgesichert werden kann.

Doch so weit muss man gar nicht denken, denn wie so oft ist es die Menge, die das Gift macht. Kredite und maßvolle Zinsen verschaffen vielen Menschen und Ideen eine Aktivierungs“energie“, die sie von allein nicht aufbringen könnten. Egal ob Mikrokredite für eine Zuckerrohrpresse oder Großkredite für den Bau alternativer Kraftwerke. Diese Auswirkungen wären allerdings das Gegenteil der anfänglichen Behauptung.

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