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Sinn von Angst – Sinn der Enge

In Gesellschaft, kurz erwähnt, Spiritualität on 26. Mai 2009 at 06:18

Die Fragestellung nach dem »Sinn« unserer heutigen Welt besteht zu Recht, da die bloße Quantifizierung oder die Isolierung zu einer materiellen Sinnlosigkeit führen, ja bereits weitgehend geführt haben. Dass aber diese Frage nach dem »Sinn« überhaupt gestellt werden kann, dürfte doch wohl nichts anderes heißen, als dass der Sinn – in Frage gestellt ist. Die Sprache sagt immer mehr aus, als wir mit unserem fixierten, sektorhaften Denken und Erfassen realisieren.

Sei dem, wie ihm wolle, was uns hier interessiert, ist die Feststellung: die evolutionistische Vorstellung, die nach vorn, auf die Zukunft gerichtet ist, ist aus ihrer Einseitigkeit heraus genau so illusorisch, wie es die traditionalistische Einstellung ist, die sich, nur das Einheitliche erfühlend und erhörend, nach rückwärts wendet. Diese heute die Menschheit ängstigende Fragestellung, die sie in die Enge, nämlich in die engste Enge, also in die Angst treibt, entwuchs dieser Angst selber.

Wir wollen besonders auf den Zusammenhang von »Angst« und »eng« hinweisen, weil in letzter Zeit mit der sogenannten »Urangst« eine teils magisierende, teils mythisierende Aufbauschung getrieben wird, die unnötig die defizienten Mächte und keineswegs etwa die effizienten Kräfte der magischen und mythischen Bewußtseinsstrukturen in uns aktiviert und damit die heutige Situation nur verworrener macht, statt sie zu klären. Die Schürer dieser Angst sind, den jeweils vorherrschenden Strukturen entsprechend, teils die Vitalisten und Emotionalisten, teils die Psychisten, wenn nicht sogar weitgehend die Nichts-als-Psychologen, sowie jene Okkultisten, welche die nicht eingesehenen Grundkräfte dieser Strukturen ununterschieden aktivieren; nachher sind sie freilich, falls es ihnen überhaupt je zum Bewußtsein kommt, höchlichst überrascht, wenn das unwissend Getane, das immer magisch ist, bedrohend auf sie zurückschlägt. So werden sie Opfer ihres eigenen Tuns; und unfähig, den entfesslten Mächten allein standzuhalten, gehen sie, selbst schon Getriebene, mit der dann auftretenden »Urangst« hausieren, um doch irgendwo sich als Treiber, sei es selbst nur einer Herde, zu fühlen.

Angst entsteht immer dort – sei es nun im Einzel-, im Sippen-, im Völker- oder im Menschheitsleben -, wo aus der Erschöpfung einer Haltung die Ausweglosigkeit aus dieser Haltung bewußt oder unbewußt evident wird, weil diese Ausweglosigkeit nun nicht mehr den Machtcharakter, sondern den Ohnmachtcharakter der betreffenden erschöpften, also kraftlos gewordenen Haltung spiegelt. Angst ist stets das erste Anzeichen dafür, dass eine Mutation in ihren Ausdrucks- und Wirkugsmöglichkeiten zum Ende gekommen ist, so dass sich neue Kräfte stauen, die, da sie sich stauen, Beengung hervorrufen. Im Kulminationspunkt der Angst werden diese Kräfte sich jeweils befreien; das aber ist dann stets gleichbedeutend mit einer neuen Mutation. So gesehen ist die Angst die große Gebärerin.

Die Angstorgien der Rennaissance, beispielsweise ihre Totentänze und ihre maßlosen Weltuntergangsphantasien, brechen durchaus nicht zufällig genau in dem Moment ab, da die Perspektive durch Leonardo da Vinci wirkende Gestallt annimmt. Jene Angstorgien stehen in einem ursächlichen Konnex mit dem Durchbruch zu einer notwendigen, neuen Weltdimension, durch welche die dreidimensionale persprektivische Welt endgültig konstituiert wurde. Und die heutigen Angstorgien, Weltuntergangsphantasien und Massenpsychosen dürften parallele Erscheinungen der gleichen Art sein, wie es jene der Rennaissance waren.

(J.G.)

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